Unser Thema im Oktober: Arbeiten in Dießen

Wer heute in Dießen arbeitet, tut dies meist in einem ganz anderen Umfeld als die Menschen vor 200 oder 500 Jahren. Doch eines hat sich kaum verändert: die Arbeitswelt gehört zum Ortsbild, und sie erzählt viel über die Geschichte Dießens.

Über Jahrhunderte war das Handwerk der wichtigste Arbeitgeber vor Ort. Landwirtschaft spielte eine eher untergeordnete Rolle, dafür gab es zahlreiche kleine Betriebe: Bäcker und Metzger, Schneider und Schuhmacher, Schreiner und Zimmerleute, Schmiede und Wagner, Müller, Fischer und Bierbrauer. Produziert wurde vor allem, was im Alltag gebraucht wurde. Arbeiten und Wohnen lagen dicht beieinander: Meister, Gesellen und Lehrlinge lebten und arbeiteten häufig unter einem Dach.

Organisiert waren die Handwerker in Zünften. Diese regelten nicht nur die Arbeit, sondern auch das gesellschaftliche Leben. In der gut verschlossenen Zunftlade verwahrten die Zunftmeister wichtige Dokumente und das gemeinsame Vermögen. Wer gegen die Regeln verstieß, musste eine Strafe „zur Lade geben“ und finanzierte somit die Zunft und ihre Sozialleistungen. Noch heute erinnern die Prozessionsstangen und -kerzen im Marienmünster an die alten Zünfte.

Manche traditionsreichen Betriebe gibt es in Dießen bis heute. Die Zinngießerei Schweizer wurde bereits 1796 gegründet, die Bootswerft Ringmaier ist seit 1870 in Familienhand. Auch aus der 1885 gegründeten Spedition Karl Mayer entwickelte sich über mehrere Stationen die heutige Schumacher Umzüge GmbH: der Name hat sich verändert, die Firma ist geblieben.

Technische Neuerungen veränderten die Arbeitswelt ebenfalls: 1895 produzierte das Elektrizitätswerk Gröbl in Dießen erstmals Strom aus Wasserkraft. Das heutige E-Werk Stadler steht für einen frühen Schritt in die moderne Arbeits- und Lebenswelt. Strom ermöglichte es den Handwerksbetrieben, ihre Maschinen zu modernisieren und unabhängig von der Antriebskraft des Mühlbachs zu werden.

Im 19. Jahrhundert entstanden auch neue Branchen. Besonders das Druckerei- und Verlagswesen gewann an Bedeutung. Druckerei und Verlag Jos. C. Huber beschäftigten in ihrer Blütezeit mehrere hundert Menschen. Eine eigene Zeitung – zunächst „Diessener Nachrichten“, später „Ammersee-Post“ und „Ammersee-Kurier“ – brachte Nachrichten aus aller Welt und aus der Nachbarschaft in die Dießener Wohnzimmer. Mit dem Wandel der Medien verschwand diese Branche schließlich wieder weitgehend aus dem Ort.

Heute ist Dießens Wirtschaftsleben vielfältig: Menschen arbeiten im Handel, Gastgewerbe, Dienstleistungsbereich, Handwerk und produzierenden Gewerbe sowie in Gesundheits- und Sozialeinrichtungen. Viele pendeln zur Arbeit außerhalb Dießens. Mit dem Homeoffice entstanden zugleich neue Arbeitsplätze unter dem eigenen Dach – und damit kehrte ein Stück jener Verbindung von Wohnen und Arbeiten zurück, die einst selbstverständlich war.

Die Arbeitswelt in Dießen hat sich vielfach gewandelt, vom „zünftigen“ Handwerk bis zum Homeoffice. Manche Betriebe verschwanden, andere passten sich an und bestehen über Generationen. So erzählt die Arbeitswelt nicht nur von der Vergangenheit, sondern auch davon, wie sich Dießen immer wieder neu erfindet.