Unser Thema im März: Die Kunst- und Handwerkstradition

Seit Jahrhunderten schlägt in Dießen ein kreatives Herz – und es schlägt im Takt von Ton, Zinn und Farbe. Schon im Mittelalter waren die Bürger des Marktes gezwungen, erfinderisch zu sein: Landwirtschaft war kaum möglich, also entwickelte sich eine erstaunliche Vielfalt an Handwerken. Fast jedes Haus beherbergte eine Werkstatt – von Schmieden und Schreinern bis zu Zinngießern und Hafnern. Diese dichte Handwerkskultur legte den Grundstein für Dießens „kreative Seele“.

Besonders prägend wurde die Keramik. Seit dem 13. Jahrhundert ist sie nachweisbar, im 17. Jahrhundert erlebte sie mit der Fayence eine erste Blüte. Das Dießener „Plab und Weiss“, ein Fayence-Geschirr, machte den Ort weit über die Region hinaus bekannt. Aus schlichten Gebrauchsgefäßen wurden kunstvoll verzierte Stücke – ein früher Beweis dafür, wie eng hier Alltag und Gestaltung verbunden waren. Diese Tradition riss nie ab: Vom traditionellen Hafnergeschirr führte der Weg im späten 19. Jahrhundert zur kunsthandwerklichen Keramik. Der Dießener Hafnermeister Martin Ganser brachte Künstler wie Theo Schmuz-Baudiss oder Adelbert Niemeyer in Kontakt mit dem Werkstoff Ton. Als Gestalter knüpften sie an das alte Handwerk an und öffneten es für die Ideen des Jugendstils. Schnell sprach sich herum, dass in Dießen etwas Neues entstand, und der Ort wurde zu einem Anziehungspunkt einer neuen Generation von Keramikern.

Parallel dazu entdeckten Maler den Ammersee. Seit den 1870er Jahren ließen sich immer mehr Künstler am Westufer nieder, unter ihnen Wilhelm Leibl und später Christian Landenberger oder Alexander Koester. Sie suchten das Licht, die Landschaft – und fanden in Dießen eine offene, handwerklich geprägte Gemeinschaft. In einfachen Gasthöfen und Privatquartieren fanden die Sommerfrischler günstige Unterkunft und malten Landschaften, Tierstudien und Ortsansichten, die den Ammersee weit über Bayern hinaus bekannt machten. Auch viele Künstlerinnen – damals noch nicht selbstverständlich an den Akademien zugelassen – arbeiteten hier und prägten das kulturelle Leben mit. Schon bald schätzte die Bevölkerung die „Malweiber“ und Professoren als Bereicherung ihrer Gemeinschaft. 1934 gründete der Bauhaus-Schüler Erich Kloidt die Arbeitsgemeinschaft Dießener Kunst, die bis heute Kunst und Handwerk unter einem Dach vereint.

Mit dem Internationalen Töpfermarkt, dem Diessener Keramikpreis und zahlreichen Ausstellungen lebt diese Tradition fort. Kontinuität und Wandel gehen hier Hand in Hand: Aus der Not der Geschichte wurde eine Tugend – und aus Handwerk Kunst. Vielleicht ist es genau diese Mischung aus Bodenständigkeit, Gemeinschaftssinn und Offenheit für Neues, die Dießen bis heute seine starke kreative Seele verleiht.