Unser Thema im Juni: Ein Tag im Jahr 1790

Es ist der 11. Mai 1790. Durch die Birkenallee nähert sich ein Fuhrwerk dem Markt Dießen. Schon von weitem sieht man das Kloster, während Menschen zu Fuß, zu Pferd und in Kutschen zum Markttag strömen. Auf einer Wiese stehen Kühe und Pferde mit einem Hirten. Vor dem Ortseingang passieren wir den Galgen – sichtbares Zeichen der Bedeutung des Marktgerichts Dießen. Vorbei am Hopfengarten des Brauers Berchtold sowie am Friedhof mit der Kirche St. Johann erreichen wir den Ort.

Auf dem Platz vor dem Rathaus herrscht dichtes Gedränge von Händlern, Käufern und Bettlern. Die Stimmen und Gerüche des Marktes mischen sich mit dem Duft eines nahen Misthaufens. An der Kreuzung erhebt sich das repräsentative Rathaus, das der Magistrat erst vor vier Jahren aus Privatbesitz kaufte und umbauen ließ. Wappen, Gemälde und eine Uhr schmücken die Fassade. Wir suchen Erholung bei einem Bier im Berchtold’schen Gasthof gegenüber. Ein Plakat kündigt eine Aufführung der Bürgertheatergesellschaft an. Auf der Straße tummeln sich an einem Brunnen Gänse aus dem ganzen Ort, nach ihnen heißt die Straße „Gänsgasse“.

Als die Rathausuhr drei schlägt, brechen wir wieder auf. In der Ferne kündigt ein Horn die verspätete Postkutsche an, die Briefe, Reisende und Neuigkeiten bringt. Sie bahnt sich einen Weg durch die Menge, biegt in die Herrenstraße ein und hält in der Hofmark bei einem Haus mit imposantem Schwunggiebel – der Schaltzentrale des schwerreichen Handelshauses von Schorn.

Posthalter Johann Baptist von Schorn wartet bereits und trägt ein dickes Bündel Briefe in sein Kontor. Sorgen belasten ihn: Nach einem kurfürstlichen Verbot musste er alle Medikamente aus dem Sortiment nehmen und Hunderte Hausierer entlassen – ein schwerer Schlag für die Region. Sein Schwiegervater hatte die Zunft der Krämer und Hausierer gegründet, um Handel und Lebensunterhalt zu sichern. Nun hofft er, dass der Handel mit Frömmigkeitsartikeln und die Dießener Handwerker verschont bleiben, die für ihn produzieren.

Auch oben am Kloster , das für seine Gelehrten und seine Bibliothek berühmt ist, herrscht Betriebsamkeit – in zwei Tagen ist Christi Himmelfahrt, das Patrozinium der berühmten Klosterkirche. Alles wird geschmückt und vorbereitet. Da nähert sich eine Wallfahrergruppe: hinter Kreuzträger und Pfarrer zieht eine ganze Dorfgemeinschaft die Hofmarksgasse hinunter. Wir folgen ihnen zum Seeufer, wo bereits acht Fischerboote auf sie warten, um sie nach Andechs überzusetzen. Mit langsamen Ruderschlägen entfernen sie sich und verschwinden über den See. Als die Sonne sinkt, werden die Marktstände abgebaut, die Gäste verlassen den Ort oder kehren in die Gasthöfe ein.

Es wird still auf den Straßen, und auch die Gänse der Gänsgasse machen sich auf den Heimweg. Nur dreizehn Jahre später stellen die Reformen des Königreichs Bayern das Leben in Dießen auf den Kopf: Kloster und Klostergericht werden aufgelöst, ebenso wie das Marktgericht, Seegericht und Forstgericht. Damit fallen die wichtigsten wirtschaftlichen und infrastrukturellen Faktoren weg. Der Handel mit Frömmigkeitsartikeln bricht ein, der größte Arbeitgeber verschwindet.

Der Ort gerät in eine tiefe Krise, die er erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts überwindet: neue Verkehrsanbindungen stärken Wirtschaft und Fremdenverkehr und ermöglichen einen neuen Aufschwung.